TL;DR
- Daniel Maukisch trainiert BJJ bei uns und hat an der TU München seine Bachelorarbeit in Gesundheitswissenschaft geschrieben. Thema: die soziale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen im Kampfsport.
- Dafür hat er erfahrene Kampfsporttrainer interviewt. Ihr Eindruck: Kinder werden selbstbewusster, empathischer und kommunikativer. Sie lernen, mit Frust und Niederlagen umzugehen. Respekt und Disziplin ziehen sich durch alles.
- Die wichtigste Erkenntnis: Das passiert nicht automatisch. Entscheidend sind die Trainer, das Umfeld in der Gruppe und die Eltern.
- Für uns Trainer ist das vor allem ein Auftrag.
Ich bekomme oft die Frage, was Kampfsport eigentlich mit Kindern „macht“. Meine Antwort kommt aus über 30 Jahren auf der Matte. Umso mehr freue ich mich, dass jetzt jemand aus unserem eigenen Team dieser Frage wissenschaftlich nachgegangen ist.
Daniel ist seit 2025 bei uns im BJJ-Training. Im Sommer hat er seine Bachelorarbeit an der TUM School of Medicine and Health abgegeben. Lieber Daniel, herzlichen Glückwunsch – und danke, dass wir darüber schreiben dürfen!
Worum es in der Arbeit geht
Daniels Frage war: Wie erleben Kampfsporttrainer die soziale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen – und was beeinflusst sie aus ihrer Sicht?
Dazu hat er ausführliche Interviews mit vier hauptberuflichen Trainern geführt. Alle haben mindestens drei Jahre Erfahrung im Kinder- und Jugendtraining, einer über 30 Jahre. Vertreten waren Muay Thai, Karate und Brazilian Jiu-Jitsu.
Ehrlich gesagt: Vier Interviews sind keine Großstudie, und die Trainer schildern ihren eigenen Eindruck. Daniel benennt das selbst offen. Dafür bekommt man etwas, das Zahlen selten liefern: einen tiefen Blick in den Trainingsalltag von Menschen, die Kinder über Jahre begleiten. Und die Ergebnisse passen gut zu dem, was größere internationale Studien zeigen.
Was die Trainer beobachten
Schüchterne Kinder tauen auf. Wer regelmäßig kommt, ist irgendwann Teil der Gruppe – auch wenn er der Stillste im Raum ist. Ein Trainer beschreibt, wie zurückhaltende Kinder plötzlich „mitteilungsbedürftig“ werden, sobald ein älteres Kind sie einbindet. Partnerübungen machen Kontakt selbstverständlich, ohne dass es peinlich wird.
Empathie wächst. Kinder trösten sich gegenseitig, wenn sich jemand wehtut. Sie lernen, ihre Kraft zu dosieren und auf Kleinere und Leichtere Rücksicht zu nehmen.
Gefühle bekommen einen Platz. Auf der Matte dürfen Wut und Frust raus – fair, nach Regeln und ohne dass jemand darunter leidet. Kinder lernen dabei, mit diesen Gefühlen umzugehen, statt sie im Schulhof an anderen auszulassen.
Niederlagen machen stärker. Im Kampfsport bekommst du sofort ehrliches Feedback. Die Trainer erleben, dass Kinder nach einer Niederlage meist mit noch mehr Motivation zurückkommen. Einer bringt es so auf den Punkt: einmal mehr aufstehen als hinfallen.
Selbstbewusstsein aus echten Erfolgen. Eine bestandene Gürtelprüfung, eine Technik, die endlich sitzt: Kinder sind unheimlich stolz auf Dinge, für die sie wirklich üben mussten. Dazu kommt das Gefühl, im eigenen Körper stärker zu werden.
Freundschaften entstehen. Kinder, die lange zusammen trainieren, halten zusammen. Ein Trainer erzählt, dass er mit Freunden aus seiner eigenen Kindheit auf der Matte bis heute befreundet ist.
Respekt wird gelebt. Gemeinsames Aufstellen, Verbeugen, Abklatschen: Rituale geben Halt. Kinder lieben solche festen Abläufe – und lernen daran, wie man miteinander umgeht.
Die wichtigste Erkenntnis: Es passiert nicht von allein
Wenn ich aus der Arbeit nur einen Satz mitnehmen dürfte, dann diesen: Die positiven Effekte entstehen nicht automatisch, nur weil ein Kind Kampfsport macht. Das sagen die Trainer, und das zeigt auch die internationale Forschung, die Daniel ausgewertet hat.
Entscheidend ist das Zusammenspiel aus drei Dingen:
- Die Trainer. Kinder lernen vor allem durch Nachahmen. Ein Trainer sagt es so: Die hören nicht, was du sagst, sondern die schauen, was du machst. Wie ein Coach mit Kindern, Eltern und Kollegen umgeht, prägt mehr als jede Ansage.
- Das Umfeld in der Gruppe. Klare Regeln, feste Rituale, Sicherheit und eine Gruppe, die Neue aufnimmt. Dort üben Kinder Woche für Woche, Konflikte zu lösen und Rücksicht zu nehmen.
- Die Eltern. Interesse und Unterstützung helfen enorm. Zu viel Einmischung oder Leistungsdruck dagegen bremsen.
Für mich ist das die spannendste Botschaft der Arbeit: Wir als Trainer tragen viel Verantwortung – und wir können viel bewirken.
Was das für uns bedeutet
Beim Lesen habe ich vieles aus unserem eigenen Trainerhandbuch wiedererkannt. Auf der Matte sind uns drei Werte wichtig: Sicherheit, Freude und Entwicklung. Die Arbeit hat mir noch einmal gezeigt, warum.
Sicherheit. Die befragten Trainer sehen es als ihre erste Aufgabe, ein sicheres Umfeld zu schaffen. Erst wenn ein Kind sich sicher fühlt, kann es sich öffnen, Fehler machen und Neues ausprobieren.
Freude. „Kinder sollten immer Spaß haben“, sagt einer der Trainer. Ohne Freude bleibt kein Kind lange dabei – und ohne Dranbleiben gibt es keine Entwicklung.
Entwicklung. Kein Kind muss das stärkste auf der Matte sein. Es geht darum, ein bisschen besser zu werden als gestern, sportlich und als Mensch.
Dazu kommt ein Punkt, der mich als Trainer besonders beschäftigt: die Vorbildrolle. Wenn Kinder vor allem nachmachen, was wir vorleben, dann zählt jede Begrüßung, jeder Umgang mit einem Fehler und jedes Wort nach einer Niederlage. Das nehme ich als Erinnerung für unser ganzes Coach-Team mit – mich eingeschlossen.
Ein Wort an die Eltern
Die Arbeit zeigt auch, wie viel ihr als Eltern bewirken könnt. Drei Punkte, die ich euch mitgeben möchte:
- Interesse zeigen. Fragt nach, was im Training passiert ist, und freut euch über kleine Fortschritte. Viele Kinder üben zuhause mit Eltern oder Geschwistern weiter.
- Loslassen auf der Matte. Die Trainer berichten, dass Kinder sich ständig rückversichern, wenn Mama oder Papa am Rand sitzen. Deshalb empfehlen wir bei älteren Kindern, nicht dauerhaft zuzuschauen. Die Matte ist ihr eigener Raum.
- Druck rausnehmen. Gewinnen fühlt sich toll an, verlieren tut weh. Beides gehört dazu. Mehr dazu habe ich im Artikel zum Bonbon-Problem geschrieben.
Und ein Rat aus der Arbeit, den ich voll unterschreibe: Schaut euch das Konzept und die Trainer einer Kampfsportschule genau an, bevor ihr euch entscheidet.
Zum Schluss
Wer wissen möchte, wie Kinder- und Jugendtraining bei uns aussieht, findet alles auf unseren Seiten zum Kampfsport für Kinder und zum Kampfsport für Jugendliche. Und wer es sich lieber selbst anschaut, ist jederzeit zu einem Probetraining eingeladen.
Daniel, nochmal danke für diese tolle Arbeit!
Bis hoffentlich bald auf der Matte.
Euer Ben
ben@munich-mma.de
Quelle: Daniel Maukisch (2026): Die soziale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen im Kampfsport – Eine qualitative Untersuchung mittels Experteninterviews. Bachelorarbeit, TUM School of Medicine and Health, Technische Universität München.



